Stadt, Mensch, Raum

Rückblick auf über ein Jahrzehnt Stiftungsgeschichte

Pädagogische Architektur: KGS „Am Domhof“ in Bonn.
Foto: Ludolf Dahmen

Pädagogische Architektur: KGS „Am Domhof“ in Bonn

KALKschmiede*: Veedelshausmeister und Anwohner.
Foto: Christopher Clem Franken

KALKschmiede*: Veedelshausmeister und Anwohner arbeiten gemeinsam im Stadtteil

„Besseres Bauen für Menschen“. Mit diesem Anliegen gründete Carl Richard Montag 2005 das „SIM – Stiftungsinstitut Montag“. Aus seiner ursprünglichen Idee einer Bauherrenberatung wird bald mehr: Schon 2006 wird aus dem Stiftungsinstitut die Montag Stiftung Urbane Räume, die damals wie heute mit ihren Projekten der Leitfrage folgt, wie die gebaute Umwelt der Menschen gestaltet werden kann, damit ein chancengerechtes, selbstbestimmtes Zusammenleben möglich ist.

Seit der Gründung der Stiftung verantworteten Frauke Burgdorff (2005-2016), Oliver Brügge (2014-2017) und Stefan Anspach (seit 2017) als Vorstände folgende Programme und Projekte der Stiftung.

Erster Themenschwerpunkt: Pädagogischer Architektur

Die Projekthistorie der Montag Stiftung Urbane Räume beginnt im Themenfeld Pädagogische Architektur. Das Anliegen der Projektfamilie Lernräume war, mit verschiedenen Aktivitäten und Formaten Schulbauprozesse im Dialog zu gestalten und damit guten Schulbau an der Schnittstelle von Pädagogik, Architektur und Verwaltung zu planen und zu realisieren.

In Kooperation mit der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, der Stadt Köln und sieben Bildungseinrichtungen im Kölner Stadtteil Altstadt Nord engagierte sich die Stiftung zunächst im Projekt Bildungslandschaft Altstadt Nord (seit 2006). Die Erfahrungen, die die Stiftung als Brückenbauerin in diesem Projekt gemacht hat, haben die die weitere Programmgestaltung beeinflusst: Die enge Kooperation mit kommunalen Verwaltungen, das gemeinsame, nicht immer einfache Ringen um Lösungen mit Pädagogen und Architekten, die Entwicklung von Veränderungen aus einem Bauanlass heraus inklusive einer „Phase Null“ und die Alternativlosigkeit von Partizipation und Teilhabe haben ihr Handeln maßgeblich geprägt.

Mit diesen Erfahrungen im Gepäck wurden durch folgende Aktivitäten Hebel für einen guten Schulbau gesucht und gefunden:

Beispiele guter Pädagogischer Architektur: Lernräume Aktuell (seit 2006), Konzepte für eine gelingende Prozessgestaltung: Handbuch Schulen planen und bauen (2012), Weiterbildungen von Prozessbegleitern: Schulbauberater (2013) und Veränderung von Richtlinien: Leitlinien für leistungsfähige Schulbauten in Deutschland (2013).

Mit Ende des Jahres 2013 hat die Montag Stiftung Urbane Räume ihr Engagement im Themenfeld Pädagogische Architektur abgeschlossen. Lediglich das von der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft weitergeführte Projekt Bildungslandschaft Altstadt Nord hat sie in baukulturellen Fragen noch bis Ende 2016 beraten.

Auf der Suche nach neuen Herausforderungen

Neben den Aktivitäten im Themenfeld Pädagogische Architektur suchte die Stiftung in ihren Pionierjahren nach weiteren urbanen Herausforderungen. Das Projekt Stadträume am Rhein (2005-2009) untersuchte die Potenziale und Qualitäten von Landschaften entlang des Rheinabschnitts zwischen Bad Honnef und Leverkusen. Das Stipendiatenprojekt in Kooperation mit der Regionale 2010 ist in der Veröffentlichung Stromlagen dokumentiert.

Und das Engagement ging weiter: Wo wird die Montag Stiftung Urbane Räume als kleine, schnell entschlossene und gemeinnützige Institution wirklich gebraucht? Wo liegen die Bedarfe, die weder von den öffentlichen Händen noch von der Wirtschaft beantwortet werden?

Im Programmbereich Urbane Dialoge entwickelte die Stiftung verschiedene Formate zur Vernetzung und für den Austausch sowie für das gemeinsame Nachdenken und Diskutieren mit Experten und Menschen vor Ort. So z. B. in der Veranstaltungsreihe Neue Freundschaften – Baukultur in Bonn (2007-2010) und dem Workshop Selbstverantwortungsräume (2010). Das Wohnmobil (2010), ein Format für schnelles und zeitnahes Einbringen von Experten-Know-how vor Ort, suchte Lösungsansätze für Herausforderungen im Stadtteil. Gleichzeitig arbeitete die Stiftung weiter an Konzepten für eine Kultur des Veränderns: Im Projekt Open Source Planning (2009) diskutierte sie in einer Workshopreihe, ob und wie erfolgreiche Prinzipien aus der Softwareentwicklung in die Stadtentwicklung übertragen werden können: Entwicklungsprozesse für alle und von allen, Weiterdenken und Verbreiten von Wissen und Lösungen unter transparenten Bedingungen, die Creative Commons. Diese und weitere Gedanken waren Teil des Projektes Beyond Institutions (2011). Das Sonderheft des Magazins polis beschäftigt sich mit der Wirkung und den Veränderungspotenzialen von Institutionen: Strukturen geben Halt, aber wie werden sie flexibel für schnellen Wandel und Lösungen in der Stadt? Methoden und Praktiken des Open Source, der Allmende und der sozialraumbezogenen Ökonomie können ein Demokratisieren von Stadtentwicklung inspirieren.

Neue Nachbarschaft - Wissens- und Beratungsformate für Immovielienprojekte

Die Montag Stiftung Urbane Räume unterstützte ab 2013 mit ihren Aktivitäten Initiativen, die gemeinschaftlich Immobilien für sich und die Nachbarschaft entwickeln und dabei auch das Gemeinwohl im Quartier in den Blick nehmen: Immobilien von vielen für viele - Immovielien. Ziel des Programms Neue Nachbarschaft (2013-2017) war, es diesen Initiativen leichter zu machen, damit es mehr werden! Die Stiftung bot Antworten auf die drängenden Fragen der Initiativen und baute Hürden ab, vor denen die Engagierten immer wieder stehen.

Mit der Ausschreibung eines Preises (2013), halbjährlich stattfinden Werkstätten (insg. 7 Stück, 2014-2017), dem halbjährlich erscheinenden Infobrief (insg. 8 Ausgaben, 2014-2017) und der Internetseite www.neue-nachbarschaft.de (2014-2017) bot sie neben aktuellen Informationen und Tipps eine Sammlung erfolgreicher Immovielienprojekte und Arbeitshilfen Know-how für die praktische Arbeit vor Ort an. Sie, vernetzte in den bundesweiten und regionalen Werkstätten Engagierte und Spezialisten und kümmerte sich darum, dass nachbarschaftlich Engangierte als ernstzunehmende Partner einer chancengerechten Stadtentwicklung ernst genommen und Wert geschätzt werden.

Die Arbeitshilfen und Infobriefe sind weiterhin auf der Internetseite der Stiftung zu finden. Die Immovieliensammlung wird auf durch das Netzwerk Immovielien weitergeführt.

Urbane Dialoge - Bessere Rahmenbedingungen für eine gemeinwohlorientierte Stadt- und Immobilienentwicklung

In ihrem Programmbereich Urbane Dialoge diskutierte die Stiftung in den Jahren 2016 bis 2018 mit einem eigenen Handlungsschwerpunkt ihre Themen, Haltungen und Erfahrungen aktiv und offensiv mit der Öffentlichkeit. Sie führte Dialoge, knüpfte Netzwerke, organisierte Veranstaltungen, entwickelte Kampagnen und nutzte ihre Rolle als Mitglied in Gremien und Verbänden.

Ganz oben auf der Dialogagenda stand die Erörterung der Frage, welche Rahmenbedingungen einer gemeinwohlorientierten Stadt- und Immobilienentwicklung im Wege stehen. Warum wird das Erbbaurecht nicht häufiger für gemeinwohlorientierte Stadtentwicklungsprojekte genutzt? Warum haben engagierte lokale Initiativen es in der Regel schwerer, Grundstücke von Kommunen zu erwerben als Kapital anlegende Investoren? Wie kann erreicht werden, dass die unterschiedlichen Partner produktiv zusammenarbeiten?

Dafür hat sie am 3. und 4. November 2016 in Leipzig den Konvent „Immobilien für viele  Gemeinwohl gemeinsam gestalten“ durchgeführt und mit 150 Fachexperten aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wohlfahrt, Wissenschaft und der öffentlichen Hand Forderungen zu den Themen Boden, Finanzierung, Förderstrukturen, Recht und Zusammenarbeit erarbeitet.

Im Februar 2017 hat die Montag Stiftung Urbane Räume gemeinsam mit rund 30 Partnern und Mitdenkern in Bonn das Netzwerk Immovielien gegründet und für ein Jahr die Koordinierung übernommen. Im Sommer 2018 wurde der Verein Netzwerk Immovielien e. V. gegründet, in dem die Stiftung weiterhin Mitglied ist. Auch die Koordinierungsstelle des Netzwerks liegt seit August 2018 beim Netzwerk.

Chancengerechte Quartiersentwicklung in der Praxis - Von der KALKschmiede* zum Initialkapital

Schon vor der theoretischen Auseinandersetzung mit den Rahmenbedingungen zeitgemäßer Stadtentwicklungsprozesse und -strukturen entwickelte die Stiftung ein weiteres Praxisprojekt. Die KALKschmiede* (2009-2013) hatte das Ziel, den Kölner Stadtteil Kalk Nord auf seinem Weg zu einem einfachen, aber guten Lebensmittelpunkt und Wohnstandort für seine Bewohner zu begleiten: Menschen mitnehmen, Bedarfe definieren, Partner finden, Strukturen bearbeiten, sich für Nachhaltigkeit einsetzen. Auch in diesem Projekt bearbeitete die Stiftung beharrlich „die Lehmschicht von Verwaltungen und Politik“, beteiligte und aktivierte Bewohnerinnen und Bewohner des Viertels für das Viertel und sammelte damit wertvolle Erfahrungen für dieses und spätere Projekte.

Die Aktivierung von Nachbarschaften und die Wirkung von individuellem Engagement waren schließlich der Ausgangspunkt für den Workshop Raumunternehmen (2013). Wie können gute Ideen von Menschen für ihre Nachbarschaft aufgegriffen und umgesetzt werden? Und vor allem: Wie kann daraus eine selbstorganisierte und unabhängige Quartiersentwicklung entstehen?

Die Beschäftigung mit diesen Fragen und die Erfahrungen vor allem aus der KALKschmiede* führten die Stiftung unmittelbar zur Fokussierung auf das Thema gemeinwohlorienitierte Immobilien- und Stadtentwicklung. Die drei Programmbereiche InitialkapitalNeue Nachbarschaft und Urbane Dialoge bildeten ab 2013 bis Ende 2017 die Handlungsbereiche der Stiftung.

Initialkapital für eine chancengerechte Stadtteilentwicklung

Seit 2018 fokussiert sich die Stiftung auf die Entwicklung von Initialkapitalprojekten.