Multiprofessionelle Kooperation

Seminarreihe zum Themenschwerpunkt Multiprofessionelle Teamarbeit

8. Mai 2019

Qualitätshebel für inklusive ganztägige Bildung

Nach den Plänen der Bundesregierung soll ab 2025 ein Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz bestehen. Die SPD Fraktion forderte angesichts dieses Vorhabens in einem Antrag an die Landesregierung NRW vom 4.12.2018, ein Zukunftskonzept für den Ganztag in der Primarstufe vorzulegen, das eine Weiterentwicklung der OGS zu einem rhythmisierten Angebot umfasst und nicht länger ein Nebeneinander von Schule und OGS-Träger darstellt. Wie wichtig die multiprofessionelle Teamarbeit für die Qualität der inklusiven ganztägigen Bildung ist, das hat sich auch im Rahmen des Projekts Qualitätsoffensive Ganztag gezeigt. Neben diesen Erfahrungen in der Schulpraxis engagiert sich die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, gemeinsam mit TH Köln, Uni Köln, ZfSL und Berufskolleg Michaelshoven, für eine Implementierung der multiprofessionellen Teamarbeit in der Ausbildung. Die Seminarreihe zum Themenschwerpunkt Multiprofessionelle Teamarbeit wird im Sommersemester 2019 fortgesetzt. Miriam Remy, Prozessbegleiterin für Schulentwicklung, und Claudia Plener-Kalbfleisch, Lehrerin am Berufskolleg Michaelshoven, und Bildungsgangleitung der Fachschule für Sozialpädagogik erklären, warum die multiprofessionelle Kooperation ein Qualitätshebel für inklusive ganztägige Bildung ist:

Welche Erfahrungen haben Sie bisher in der Auseinandersetzung von Auszubildenden und Studierenden mit dem Thema „multiprofessionelle Teamarbeit“ gemacht?

MR: Die Entwicklungen der Grundschulen hin zu Offenen Ganztagsschulen (OGS) finden in der universitären Ausbildung bisher wenig Berücksichtigung. Umso wertvoller erscheint es mir, diese multiprofessionellen Perspektiven und pädagogischen Ansätze im Rahmen eines gemeinsamen Seminars für angehende Lehrerinnen und Lehrer und pädagogische Fachkräfte ins Bewusstsein zu rücken und sie dadurch professioneller auf die zukünftige Arbeit im Ganztag vorzubereiten. Es gilt noch viel visionäre und konzeptionelle Arbeit zu leisten, denn in der eigenen schulischen Biografie und den bisherigen Praktika haben viele Lehramtsstudierende mit „neuen“ pädagogischen Konzepten noch wenig Berührung gehabt – und laufen entsprechend Gefahr, die Offene Ganztagsschule im Sinne von „Unterricht am Vormittag und Freizeitangebote und AGs am Nachmittag“ zu denken.

CP: Auch in der Ausbildung war die Möglichkeit bisher nicht vorgesehen, den Kontakt zu den späteren Kolleginnen und Kollegen der verschiedenen Professionen herzustellen. Es kam mitunter vor, dass Studierende des Berufskollegs und der Universität zeitgleich Praktika in den Einrichtungen absolvierten, ohne zusammen zu arbeiten. Aufgaben und Durchführung und sogar die Nutzung des Lehrerzimmers waren klar getrennt. Die unterschiedlichen Kompetenzen wurden dabei nicht genutzt. Das ist schade, denn gerade in der Ausbildung hat das Thema „Teamarbeit“ einen sehr zentralen Stellenwert.

Wie erzeugt man ein gemeinsames Bildungsverständnis – und wie setzt man eine Diskussion darüber in Gang?

MR: Zur pädagogischen Gestaltung des Offenen Ganztags gibt es Vorgaben wie z.B. die „Bildungsgrundsätze für Kinder von 0 bis 10 Jahren in Kindertagesbetreuung und Schulen im Primarbereich in Nordrhein-Westfalen“ von 2016 und den Erlass zu Ganztagsschulen und Ganztagsangeboten in NRW des Ministeriums für Schule und Weiterbildung von 2010. Sie basieren auf einem erweiterten Lernverständnis – Angebote des Ganztags sollen rhythmisiert und multiprofessionell ausgerichtet sein. Auf diese gemeinsame Grundlage für die multiprofessionelle pädagogische Arbeit im Ganztag können wir uns als Pädagoginnen und Pädagogen berufen. In all diesen Vorgaben werden aber nur pädagogische Standards formuliert und Qualitätsmerkmale für den schulischen Ganztag skizziert. Die konkrete Umsetzung und die Organisation der Bildungs- und Lernangebote bleibt den Offenen Ganztagsschulen im Großen und Ganzen „im Rahmen ihrer eigenen Möglichkeiten“ und je nach den individuellen Bedarfen der Lernenden überlassen.
Diese Vorgaben sollten bereits in der Ausbildung thematisiert und in all ihren Konsequenzen für die Gestaltung der „Schulen der Zukunft“ mit den „Lehrkräften der Zukunft“ diskutiert werden. In unserem Kooperationsseminar im letzten Wintersemester war es ein großer Vorteil, die Perspektiven der pädagogischen Fachkräfte miteinbeziehen und mit den eigenen Vorstellungen der angehenden Lehrkräfte verknüpfen zu können.

CP: Ein gemeinsames Bildungsverständnis geht deutlich vom Kind aus: Wie können die Interessen und Bedürfnisse des einzelnen Kindes gefördert, wie kann der gemeinsamen Bildungs- und Erziehungsauftrag am besten umgesetzt werden – das sind grundlegende Fragen die sich Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte stellen. Hier können wir ganz deutlich von den unterschiedlichen Professionen profitieren und die Teams können sich gegenseitig unterstützen. Im Seminar haben sich die Studierenden des Berufskollegs und der Universität Gedanken dazu gemacht, wo und wie sie sich jeweils mit ihren Kompetenzen in den Bildungsbereichen einbringen können. Dabei sind kreative und spannende Ideen und Umsetzungsmöglichkeiten entstanden.

MR: Eigene pädagogische Schwerpunkte zu setzen und den vorgegebenen Rahmen an die konkreten Bedingungen vor Ort anzupassen, das erfordert Visionen, konzeptionelle Arbeit und viel Prozesswissen bei allen Beteiligten – worauf viele Teams an den Schulen nicht ausreichend vorbereitet sind. Es fehlen vor allem zeitliche und personelle Ressourcen. In unserem nächsten Kooperationsseminar möchten wir darum das Thema der „Interprofessionellen Kollegialität“ noch stärker aufgreifen – unter der Fragestellung, wie pädagogische Entscheidungen im multiprofessionellen Team kollegial und gleichberechtigt im Sinne einer optimalen Förderung aller Kinder ausgehandelt werden können.

Wo sehen Sie die wichtigsten Potentiale und Gemeinsamkeiten in der Zusammenarbeit von Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften? Was verbindet alle Mitarbeitenden der OGS über die Professionen hinweg?

MR: Die Grundschule der Zukunft ist inklusiv, eine Schule für alle Kinder. Um dieser gesetzlichen Vorgabe gerecht zu werden, ist die multiprofessionelle Zusammenarbeit an Ganztagsschulen eine wichtige Voraussetzung – sozusagen der Schlüssel, um alle Kinder optimal in schulischen Kontexten fördern zu können.

CP: In den multiprofessionellen Teams werden große Chancen bei der Umsetzung des Bildungs- und Erziehungsauftrages in der Begleitung der Persönlichkeitsbildung ermöglicht. Schule und die damit verbundene Ganztagsbetreuung darf nicht auf die formale Bildung beschränkt werden. Nur durch die Zusammenarbeit kann die Ergänzung und wechselseitige Verstärkung von formaler, non-formaler und informeller Bildung erfolgen.

MR: Voraussetzung dafür ist aber natürlich, dass Zeiten für Vor- und Nachbereitung, individuelle Fallbesprechung und die Planung und Evaluation von Fördermaßnahmen ein verbindlicher Teil der eigenen Arbeitszeit geworden sind. Diese Zeitfenster für die interprofessionelle Zusammenarbeit müssen geschaffen und entsprechend fest in den schulischen Abläufen verankert werden.

Und aus der Kinderperspektive – Welche Bedeutung hat multiprofessionelle Teamarbeit für die Kinder?

CP: Die Kinder sollten die Zusammenarbeit über den ganzen Tag nicht als Trennung erleben, sondern erfahren, dass gemeinsam mit den Kindern gelernt und gelebt wird und sie von Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften gemeinsam betreut werden. Jeder ist in diesem Team wichtig und gerade die Multiprofessionalität ermöglicht dies umzusetzen. Der Blick auf das ganze Kind wird erweitert und die personale Bildung kann noch mehr und besser unterstützt werden. Lehr- und pädagogische Fachkräfte unterstützen mit ihren Kompetenzen den Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule in einer gemeinsamen Bildungseinrichtung. Schon in der Ausbildung der angehenden Erzieherinnen und Erzieher wird sehr viel Wert auf die Perspektive des Kindes gelegt. Besonders im Bereich der Entwicklung der sozial-emotionalen Kompetenzen könnten Erzieherinnen und Erzieher das Unterrichtsgeschehen noch viel mehr unterstützen indem sie sich mit einzelnen Kindern oder Gruppen beschäftigen.

MR: Im gut rhythmisierten Ganztag können Kinder ganzheitlicher in ihrer Entwicklung und ihrem Lernen begleitet werden – die schulpädagogischen und die sozialpädagogischen Ansätze ergänzen sich dabei bestenfalls, und es entsteht mehr Raum, um von Kind zu Kind zu entscheiden, auf welche Art und Weise das soziale, emotionale, demokratische und fachliche Lernen der Kinder gefördert werden kann. Dazu gehört jedoch auch, mehr Raum und Zeit für Rückzug, Erholung, Entspannung und das freie Spiel mit Gleichaltrigen zu schaffen, die Kinder also nicht permanent zu beschulen oder mit Angeboten zu überfrachten. Sobald die Angebote und Abläufe im Ganztag aus der Perspektive eines Kindes betrachtet werden, wird schnell klar, an welchen Stellen Nachbesserungs- oder Veränderungsbedarf im Ganztag besteht – wie gut, dass es dazu bereits entsprechende Erlasse und Vorgaben des Ministeriums gibt, die in diesem Sinne pädagogisch sinnvolle Weiterentwicklungen „erlauben“ und sogar vorschreiben.

2. OGS-Akademie

Ergebnisse aus dem Seminar im Wintersemester 2018/19 präsentierten Auszubildende und Studierende am 3. April 2019 bei der OGS-Akademie in Bonn.

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