Raumtypen – Funktionen und Formen im Wandel

Selbstständiges Lernen, individuelle Betreuung, Ganztagsschule und coachende Lehrerende passen nicht mehr in die Grundrisse der Vergangenheit, die sich im Wesentlichen aus den Raumtypen Klasse, Flur, Lehrerzimmer, Sanitäranlagen und Schulhof zusammensetzen. Eine zukunftsfähige Schule benötigt neue Raumtypologien. Die Grundrisse der Vergangenheit müssen angepasst werden und auf die neuen, dynamischen Anforderungen reagieren.

Daraus ergeben sich veränderte Typologien für alle in Schulen vorhandenen Raumfunktionen. Historisch sind viele der damit verbundenen Forderungen keineswegs neu – erst jetzt zeichnet sich jedoch ein Umdenken ab, das auch in der Breite und bis in die öffentlichen Richtlinien hinein Umsetzung findet. Im Folgenden werden grundsätzliche Aspekte der Veränderung zusammengefasst:

Vom Klassenraum zum Lernort

Vom Klassenraum zum Lernort

Das traditionelle Klassenzimmer öffnet sich. Die quadratische Kiste, in welcher der Lehrende den Raum dominiert, genügt nicht den Ansprüchen individueller Betreuung und Differenzierung. Um den neuen Anforderungen gerecht zu werden, ist es sinnvoll, aus mehreren Klassenzimmern, Gruppenräumen und gemeinsamen Arbeitsbereichen Cluster zu bilden. Dies sind offene, aber überschaubare Einheiten aus 60 bis 120 Schüler/innen, die in Gruppen wechselnder Größe oder auch still für sich arbeiten können.

Die in diesen Clustern vorhandenen gemeinsamen Arbeitsbereiche sollten eine echte funktionale Erweiterung des klassischen Unterrichts, z.B. für Projektarbeit, bieten. Entscheidend ist, dass die gemeinsame Zone genügend Tageslicht erhält und möblierbar ist. Dabei ist darauf zu achten, dass mehr multifunktionale, offene Zonen Antworten im Bereich der sozialen Kontrolle und der Raumakustik brauchen.

Siehe auch 10 Thesen: These 1 und 2 

Vom Lehrerzimmer zu Teamräumen und Lehrer/innenarbeitsplätzen

Vom Lehrerzimmer zu Teamräumen und Lehrer/innenarbeitsplätzen

Die neuen Anforderungen an den Arbeitsplatz der Lehrer/innen können durch das klassische zentrale Lehrerzimmer allein nicht mehr abgedeckt werden. Vielmehr bedarf es der räumlichen Differenzierung von verschiedenen Funktionen: Kommunikation, Konferenz, Besprechung, Individuelle Arbeitsplätze, Rückzugsorte und Ruheräume.

Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass ein angemessener Arbeitsplatz ein aktiver Beitrag zur Gesundheitsförderung der Lehrer/innen ist und die Fehlzeiten nennenswert reduziert werden können.

Siehe auch 10 Thesen: These 7

Vom Fachraum zum Mehrzweckraum

Vom Fachraum zum Mehrzweckraum

Für Fachräume stellt sich die Frage, wie Ausstattungserfordernisse so variabel gestaltet werden können, dass eine Vielzahl von Lernformationen möglich ist. Wie können die Räume einem möglichst breiten Nutzerkreis zur Verfügung gestellt werden und so möglichst selten leer stehen? Die Forderung nach Flexibilität und Mehrfachnutzung betrifft sowohl die »harten« naturwissenschaftlichen Funktionsräume als auch andere Spezialräume.

Trotz der Tendenz zum variabel einsetzbaren Mehrzweckraum werden auch weiterhin ausstattungsintensive Spezialräume benötigt werden, zum Beispiel ein Musikraum mit besonderer Schallisolierung, technische Werkstätten für Holz, Metall, Keramik/Töpferei, Elektronik. Im Rahmen von Ganztag und Inklusion erhalten sie sogar zusätzliches Gewicht.

Von der Bibliothek zum Selbstlernzentrum

Von der Bibliothek zum Selbstlernzentrum

Moderne Schulbibliotheken sind heute Lese- und Lern-»Labore«. Der Bedeutungswandel manifestiert sich auch in deren Umbenennung in »Selbstlernzentrum« (»Lernatelier«, »Lernbüro« oder schlicht »Informationszentrum«). Arbeits- und Internetplätze dienen als Rechercheorte, ermöglichen selbstbestimmtes, individuelles Lernen und fungieren idealerweise als ein zum Lesen und Lernen anregender Kommunikationsort. In unterrichtsfreien Zeiten kann die Bibliothek auch zum Veranstaltungsort umgenutzt werden.

Siehe auch 10 Thesen: These 7

Von der Aula zum Marktplatz

Von der Aula zum Marktplatz

Schule soll eine »Demokratie im Kleinen« sein. Das kann sie nur, wenn sie auch räumlich einen Mittelpunkt als Ort des Austauschs hat, an dem sich die ganze Schulgemeinde versammeln kann. Entsprechend wird die Aula immer mehr zum Alltagsraum – und damit eher Kommunikations- als Repräsentationsort. Bewährt hat sich eine Auslegung des Raums als großer Multifunktionsraum mit hohem Nutzfaktor: Versammlungen, Veranstaltungen, Bühnenausstattung, Ausstellungen und Feste.

Siehe auch 10 Thesen: These 8

Vom Speiseraum zur Mensa+

Vom Speiseraum zur Mensa+

Eine Mensa dient zu mehr als nur zur Nahrungsaufnahme: Sie ist ein wichtiger Treffpunkt und ein Kommunikationszentrum im schulischen Leben. Für die Planung der Küche gibt es unterschiedliche Kriterien, die zu beachten sind. Zu präferieren ist aus ernährungsphysiologischen Gründen ein Frischküche-Modell, es sei denn, das Essen wird schulnah zubereitet und kann ohne Qualitätseinbußen und ohne erneutes Aufwärmen in der jeweiligen Schule ausgegeben werden. Für die Qualitätssicherung des Essensangebotes haben inzwischen fast alle Bundesländer Beratungsstellen gegründet.

In manchen Beispielen wird die Mensa als elementarer Baustein des pädagogischen Konzepts im Bereich »Ernährung und Gesundheit« erachtet. In anderen Fällen wird durch die Kooperation mit Eltern sowie Schüler/innen erst eine Frischküchen-Lösung ermöglicht. Es gibt aber auch dezentrale Versorgungslösungen; dabei wird bewusst auf eine Mensa verzichtet und im Klassenverband gemeinsam gegessen. Die Schüler/innen entwickeln eine Esskultur mit festen Ritualen – und die Klassenlehrer/innen, denen das gemeinsame Essen im Deputat angerechnet wird, haben Zeit und Raum für den persönlichen Kontakt zu ihren Schüler/innen.

Von der Turnhalle zum Bewegungszentrum

Von der Turnhalle zum Bewegungszentrum

Sport und Bewegung sind besonders für das körperliche, geistige und seelische Wohlbefinden der Schüler/innen von grundlegender Bedeutung. Aufgrund konkurrierender Freizeitaktivitäten und fehlender Bewegungsanreize in ihrem Lebensumfeld nimmt die Motivation vieler junger Menschen immer mehr ab, sich zu bewegen. Selbst beliebte Trendsportarten erreichen in der Regel nur einen kleinen Anteil der Jugendlichen.

Deshalb braucht jede Schule auch weiterhin eine Turnhalle: Für unersetzliche Mannschaftssportarten, als Bewegungs- und Trainingsraum in vielfältigen Varianten. Als hoch flexible Räume sind Sporthallen für ganz unterschiedliche Sportarten nutzbar. Die kostensparende Co-Nutzung durch Sportvereine in den Nachmittags- und Abendstunden ist vielfach genauso eingeübte Praxis wie die Nutzung der Räume durch unterschiedliche Schulen.

Vom Pausenhof zum Lebensort

Vom Pausenhof zum Lebensort

Schulhöfe sind bedeutsame Lern- und Lebensräume im Schulalltag: als Bewegungsraum, kommunikativer Treffpunkt, Ruhezone, Natur- und Verkehrsraum. Mit diesen Funktionen sind ganz unterschiedliche, manchmal auch konkurrierende Nutzungsanforderungen verbunden. Entsprechend vielfältig ist das Spektrum der Gestaltungskonzepte – es reicht von der multifunktionalen Plattform, die sich an urbanen Platztypologien orientiert, über Sport- und Spielflächen bis hin zum naturnah gestalteten Biotop.

Von der Halbtags- zur Ganztagsschule

Von der Halbtags- zur Ganztagsschule

Der Ganztag verändert nicht nur Aktivitäten und ihre Rhythmisierung. Auch das Raumangebot einer Schule muss auf die erweiterten Bedarfe der Nutzer/innen eingestellt werden. Dabei gilt es vor allem, verschiedene Funktionen qualitativ abzudecken. Im Rahmen einer vielfältig interpretierbaren Raumkonstellation sind so viele Lösungen denkbar und nicht für jede Funktion wird auch ein eigener Raum benötigt.

Siehe auch 10 Thesen: These 3

Von der getrennten Schulform zur inklusiven Schule

Von der getrennten Schulform zur inklusiven Schule

Mit dem Übergang von einem getrennten Förderschulsystem zur inklusiven Schule sind besondere Flächen und Räume für Schüler/innen mit speziellen Bedarfen einzuplanen – ob im Umbau oder im Neubau. Das Bereitstellen der entsprechenden Räume ist Voraussetzung dafür, dass Inklusion sinnvoll umgesetzt werden kann. Dabei ist von vornherein zu vermeiden, dass die alte Systematik der Separation in neuer Form wieder in der Regelschule eingeführt wird, indem durch entsprechende räumliche Trennung eine neue heimliche Förderschule in der Regelschule entsteht. Die räumliche Organisation von Inklusivräumen sollte nicht neue interne Barrieren aufbauen, sondern selbst inklusiv wirken. Sie kann als Lösung innerhalb des Klassenraums, im Cluster, im Haus, im Freiraum oder gegebenenfalls sogar extern umgesetzt werden.

Siehe auch 10 Thesen: These 5

Von der Schule zum Bildungs- und Nachbarschaftszentrum

Von der Schule zum Bildungs- und Nachbarschaftszentrum

Schulen sind ein selbstverständlicher Teil der kommunalen Bildungskette. Sie werden sich künftig noch stärker als bisher mit anderen Bildungs- und auch Freizeitangeboten verschränken. Waren es früher nur die Volkshochschule, die auch Räume in der Schule nutzte, und der Verein, der auch in der Sporthalle trainierte, so wird es künftig mehr und institutionalisierte Verschränkungen zwischen schulischen und außerschulischen Bildungsorten geben.

Umgekehrt baut die Schule externe Lernorte aus dem unmittelbaren Umfeld der Schule in ihr hauseigenes Curriculum systematisch ein. Für die teilöffentliche Nutzung von schulischen Bereichen ist es grundlegend, dass sie extern und separat erschlossen werden können und klare Grenzen im Übergang von öffentlicher und rein schulischer Nutzung ablesbar sind.

Siehe auch 10 Thesen: These 10

(Text: gekürzte Auszüge aus Schulen planen und bauen 2.0  Grundlagen, Prozesse, Projektevollständiger Text siehe Kapitel III, S. 99-135.)

Die Studie "Das offene Klassenzimmer" von Frank Hausmann und Florence Pfaff zeigt, wie Schulräume auf die Anforderungen der Pädagogik nach mehr selbstständigem Arbeiten und individueller Förderung reagieren. 

Neue Lernsituationen ... 

... erfordern neue räumliche Lösungen:

Abbildungen: Frank Hausmann, Florence Pfaff: Das offene Klassenzimmer. FH Aachen.      

Die Grenzen zwischen Räumen öffnen sich - in der Schule und zwischen Schule und Umfeld. Offene Schulen bündeln Ressourcen und setzen auf Synergien. Sie werden zu zentralen Orten im Stadtteil:

Abbildung: RE.FLEX architects_urbanists in Zusammenarbeit mit den Montag Stiftungen.