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Experten fordern zeitgemäße Regeln für den Schulbau in Deutschland

Am 17. Januar kamen Experten aus Schule, Planung, Verwaltung und Wissenschaft in Berlin zusammen, um über einen Referenzrahmen für leistungsfähigen Schulbau zu beraten.

Die Praktiker aus dem Feld Pädagogische Architektur waren sich einig, dass Handlungsbedarf besteht: In modernen Schulgebäuden soll zeitgemäßes Lernen möglich sein. Das setzt voraus, dass es räumliche Möglichkeiten für Lernformen außerhalb des klassischen Frontalunterrichts gibt, wie beispielsweise Gruppenarbeit oder Selbstlernbereiche. Außerdem muss Ganztagsschule möglich sein. Das schließt nicht nur eine Mensa und hygienische Bevorratungsräume ein, sondern auch Bereiche, in denen sich die Schüler außerhalb des Unterrichts aufhalten können und in denen die Lehrer genügend Platz für effektives Arbeiten haben. Dies sei heutzutage noch keine Selbstverständlichkeit in deutschen Schulen und daher bedürfe es eines neuen Rahmens, in dem sich Schulbau bewegt, so die Experten.

Welche Räume und welche Gebäude benötigt eine Schule, wenn sie zeitgemäßes Lernen bestmöglich unterstützen und den Anforderungen einer inklusiven Ganztagsschule gerecht werden muss?

Guter Schulbau hat viele Parameter. Entscheidend sind qualitätvolle Prozesse, in denen die programmatischen Grundlagen im Schulbau erarbeitet werden, und zeitgemäße Regelwerke, nach denen Schulen geplant und errichtet werden.

Im föderalen Deutschland existiert eine Vielzahl von Richtlinien, Normen und Vorschriften zum Schulbau. Einige Regelwerke sind in den 1960er Jahren entstanden und gelten noch heute, andere beschränken sich auf bauaufsichtliche Aspekte und bieten daher keine Orientierung für die räumliche Organisation des Schullebens. Und so manches Musterraumprogramm, das auch heute noch bei der Finanzierung von Schulbaumaßnahmen Anwendung findet, basiert auf dem Modell der nach Klassen- und Fachräumen gegliederten Halbtagsschule, die kaum mehr zulässt als den traditionellen Frontalunterricht. Können derartige Regeln wirklich noch zeitgemäß sein? Oder resultiert daraus nicht vielmehr ein dringlicher Bedarf, dem Schulbau einen neuen Rahmen zu geben?

Die Montag Stiftung Urbane Räume und die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft haben sich gemeinsam mit dem Bund Deutscher Architekten dieser Fragen angenommen und zunächst eine vergleichende Analyse ausgewählter Richtlinien angestoßen, die aus Forschungsmitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finanziert wurde. Deren Ergebnisse wurden anschließend mit erfahrenen Praktikern aus Schule, Verwaltung und Planung im Rahmen von mehreren Werkstattgesprächen diskutiert. Die bisherigen Ergebnisse bestätigen: Viele Regelungen sind nicht auf der Höhe der Zeit. Sie sind im Vergleich zu entsprechenden Regelungen im europäischen Ausland veraltet, sie lassen die erforderlichen Anpassungen im Schulbau nicht in dem Maße zu, wie es für eine „Bildungsrepublik“ erforderlich wäre. Im ungünstigsten Fall provozieren sie sogar Fehlinvestitionen in volkswirtschaftlich relevanter Höhe, wenn flächendeckend Schulen für morgen nach Regeln von gestern gebaut werden.

Am Dienstag, den 17. Januar luden die beiden Stiftungen und der BDA nun Experten nach Berlin ein, um gemeinsam über erste Eckpunkte eines künftigen Referenzrahmens für einen leistungsfähigen Schulbau zu beraten. Dieser Referenzrahmen soll konkrete Orientierung und Hilfestellung bieten für die Entwicklung von zeitgemäßen Musterraumprogrammen und Förderrichtlinien auf kommunaler, regionaler oder Landesebene: Er richtet sich an Politik und Verwaltung, aber auch an Akteure bei konkreten Bauprojekten. Der Referenzrahmen zeigt die wichtigsten Regelungspotenziale auf und formuliert jene Qualitätsstandards im Schulbau, die notwendig sind, um zeitgemäßes Lernen optimal zu unterstützen und den veränderten Anforderungen an Schulen gerecht zu werden. Diese Standards umfassen konkrete Kennwerte (wie z.B. qm pro Nutzer) und Empfehlungen zu Organisationsmodellen und Schulbauprozessen sowie zur Gebrauchstüchtigkeit und Gestaltqualität von Schulgebäuden.

Frauke Burgdorff, Vorstand der Montag Stiftung Urbane Räume: „Wenn die Kommunen in den kommenden Jahren einen milliardenschweren Sanierungsstau an Schulen beseitigen müssen, wäre es ein Skandal, dies nach den Vorgaben von gestern zu tun. Mit den bisher diskutierten Eckpunkten ist ein wichtiger Schritt getan, um mit Kommunen und Ländern zu beschreiben, welche Qualitäten leistungsfähige Schulen schon heute aufweisen sollten. Nun werden wir gemeinsam mit den Experten bis Ende des Jahres aus den Eckpunkten den geforderten Referenzrahmen entwickeln.“

(Foto: Simon Schnepp, Berlin)