Starke Ideen, ungewöhnliche Konzepte - Mut zu Neuem!
Die Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft zeichnet sechs partizipatorische Kunstprojekte in Deutschland und Österreich aus
Pressemitteilung vom 26. November 2011
Bonn. Sie greifen Tabuthemen auf, arbeiten hinter Gefängnismauern, gehen in soziale Brennpunkte, mischen die Männerdomäne an den Turntables auf und zeigen, das Kreativität soziale Energie ist.
Die Künstlerinnen und Künstler und ihre Projektpartner, die am 26. November 2011, in Bonn eine Auszeichnung der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft bekamen, gehen neue Wege. Die Stiftung hatte mit der Auslobung „faktor kunst“ in Deutschland, Österreich und der Schweiz nach partizipatorischen Kunstprojekten gesucht. „Wir wollten Projekte finden, die gesellschaftliches Engagement zeigen, das Potential haben, zu verändern, zu verbessern, zu begeistern und viele Menschen miteinzubeziehen“, erklärt Ingrid Raschke-Stuwe, Vorstand der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft. Vergeben werden sechs mit jeweils 10.000 Euro dotierte Auszeichnungen und darüber hinaus wird eins der Projekte fördernd begleitet.
Projekte aus Berlin, Bochum, Hamburg, Moers, Wien und dem Ruhrgebiet prämiert
Mit „faktor kunst“ betritt die Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft Neuland. Die Auslobung ist in ihrer Art einzigartig und hatte mit mehr als 800 Einreichungen aus den Bereichen bildende Kunst, Musik, Tanz, Theater und spartenübergreifenden Projekten eine überwältigende Resonanz. Prämiert wurden Projekte aus Berlin, Bochum, Hamburg, Moers, Wien und dem Ruhrgebiet.
Die Turntables gehören den Männern - noch
Die Clubszene feiert ihre DJs wie Popstars. Die Kunst an den Turntables, an Mischpult und Computer gehört zur Jungendkultur und ist männlich. Vielleicht nicht mehr lange. Zu den wenigen Frauen, die ganz oben mitmischen gehören DJ IPEK (Berlin) und Sweet Susie (Wien). Die beiden Künstlerinnen gaben ihr Wissen an die DJn Klasse für junge Frauen des DJn Kollektivs Brunnhilde im KunstSozialRaum Brunnenpassage der Caritas Wien weiter. Hier lernen Frauen unterschiedlicher Nationalitäten Basistechniken des DJing. Sie produzieren ihre eigene Musik, können ihren eigenen Stil entwickeln, sind in ein Auftrittsnetzwerk eingebunden und geben das Erlernte in Workshops an neue Talente weiter. An den Turntables brechen insbesondere die muslimischen Frauen mit einem männlichen Rollenklischee. Ein unterstützenswertes Modellprojekt, befand die Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft.
www.brunnenpassage.at/projekte/musik/brunnhilde
Freie Kunst und gelebte Inklusion
Die Schlumper sind eine Ateliergemeinschaft von KünstlerInnen mit Behinderung in Hamburg. Etwa 400 Kinder der nahegelegenen, integrativen Ganztagsgrundschule Louise Schroeder gehen bei ihnen ein und aus, arbeiten intensiv mit ihnen zusammen. Freiwillig und jenseits schulischer Anforderungen nehmen die Kinder an Prozessen der freien Kunst teil. Hier werden Menschen mit Behinderungen zu Meistern – ein Perspektivwechsel. Die ungewöhnliche, befruchtende Partnerschaft ist ein hervorragendes Beispiel für gelebte Inklusion. Die Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft zeichnet diese besondere und kontinuierliche Zusammenarbeit aus.
www.louise-schroeder-schule.hamburg.de/index.php/article/detail/2695
Heimat und Sehnsucht, Action und Drama - Großes Kino für alle
Auch das Projekt der Künstlerin und Architektin Apolonija Šušterši? und der Kuratorin Katrin Mundt bekommt eine Auszeichnung. Es ist im Stadtquartier Hustadt in Bochum angesiedelt, dem Wohnort von Menschen aus 56 Nationen, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Universität. Gemeinsam mit den BewohnerInnen soll in einem demokratischen Prozess der Hustadt Filmpavillon entstehen. Mitten auf einem freien Platz zwischen den Hochhäusern, in einer offenen, die Kommunikation fördernden Architektur. Geplant ist ein selbstverwaltetes, nicht kommerzielles Kino mit einem vielsprachigen Filmprogramm, das die Wünsche und Bedürfnisse der hier lebenden Menschen aufnimmt und sie über kulturelle Grenzen hinweg miteinander ins Gespräch bringt. Unterstützt werden die Projektinitiatorinnen vom UmQ Verein für Begegnungs- und Straßenkultur.
www.hustadtproject.blogspot.com
Über das Leben lernen
In den Medien ist der Tod allgegenwärtig, aber in unserem Alltag ist Sterben ein Tabuthema. Das Schlosstheater Moers greift es mit seiner Projektreihe überGehen – Lebensgrenzen, Todesbilder und Abschiedskultur auf. Die freie Regisseurin Barbara Wachendorff führt seit Monaten Gespräche mit schwer kranken Kindern und Jugendlichen, unterstützt von Angehörigen, in Kooperation mit Kliniken, Hospizeinrichtungen und TrauerbegleiterInnen. „Von diesen Kindern können wir viel über das Leben lernen. Das ist ein wichtiger Impuls dieses Projekts“, sagt sie. Aus Interview-Texten entwickelt die Projektleiterin gemeinsam mit SchauspielerInnen des Schloßtheaters Moers eine Theateraufführung. Kranke oder von schwerer Krankheit genesene Kinder und Jugendliche werden mit ihnen gemeinsam auf der Bühne stehen oder medial einbezogen. Das Projekt arbeitet an der Grenze zwischen Theater und sozialer Wirklichkeit, seine künstlerische Konzeption vermeidet Naturalismus. In Kooperation mit Schulen finden Mal- und Schreibwerkstätten statt. Die entstehenden Texte werden als Hörbuch eingesprochen, es gibt eine Ausstellung, Diskussionen und Lesungen.
www.schlosstheater-moers.de/?page_id=150
Freiheit beginnt im Kopf
In Berlin arbeitet ein interdisziplinäres Team hinter Gittern. Gefängnis - Kunst - Gesellschaft - Plus! - heißt die Initiative, an der SchauspielerInnen, Musikpäda¬gogInnen, PsychologInnen, PädagogInnen, RegisseurInnen, Kameraleute und TanztrainerInnen beteiligt sind. Jugendliche und Frauen in Haftanstalten schreiben Texte, stehen auf der Bühne, arbeiten mit der Kamera. „Ich habe immer noch ein Blatt Papier und einen Stift. Das ist meine Freiheit,” sagt eine der Frauen während der Projektarbeit zum Thema Freiheit. Im Rhythmus von neun Monaten gibt es Präsentationen vor Publikum - innerhalb und außerhalb der Haftanstalten. Im kommenden Jahr soll eine „Draußen-Werkstatt“ für Menschen im offenen Vollzug und Haftentlassene hinzukommen. Träger ist der Berliner Verein „minor – Projekt¬kontor für Bildung und Forschung e.V.“. Die Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft wird dieses Projekt über die Auszeichnung hinaus fördernd begleiten.
www.gkg-berlin.de
Hinter jeder Wand leben kreative Menschen...
2010 bezogen 78 Menschen aus aller Welt mietfrei Wohnungen in Dortmund, Duisburg und Mülheim an der Ruhr. Ein Jahr lang waren sie Teilnehmer des Projekts 2-3 STRASSEN – eine Ausstellung in Städten des Ruhrgebiets von Jochen Gerz. Es ging um Veränderung - in den Straßen, für und mit den neuen und alten Bewohnern. Gemeinsam startete und realisierte man Initiativen, öffnete Türen, wurde Gastgeber für Nachbarn, Passanten und Ausstellungsbesucher. Alle zusammen schrieben ein Buch. 887 Autoren, 3000 Seiten über den Alltag, über das Leben. „Das Buch ist Text, ist soziale Skulptur, ist Kunst als Beitrag von allen. Wer täglich schreibt, verändert sich. Menschen, die sich verändern, verändern die Welt“, heißt es auf der Website zum Buch. Für Jochen Gerz ist Kreativität kein Künstlerprivileg, sondern erneuerbare soziale Energie. Die Ausstellung ist zu Ende, doch etwa die Hälfte der Teilnehmer kehrte 2011 nicht in ihre alten Heimatstädte zurück. Den Kunstprojekten von Jochen Gerz liegen wegweisende, partizipatorische Konzepte zugrunde, die sich in vielen Punkten mit den Absichten der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft decken. Deshalb erhält das Projekt eine Sonderauszeichnung.
www.2-3strassen.eu
Pressekontakt:
Waltraud Murauer-Ziebach, Tel. 0228-26716-553,
w.murauer(at)montag-stiftungen.de, Pressestelle der Montag Stiftungen, Lothar Guckeisen, Tel. 0228-26716-633,
presse(at)montag-stiftungen.de
Fotos: Lutz Kampert


