Gemeinschaftsraum IV: Das Eigene und das Fremde

Plattform für Transkulturelle Neue Musik zu Gast mit Perspektiven auf Transformationsprozesse in der Arbeit mit außereuropäischen Instrumentalisten

6. April 2017, Stiftungscampus Bonn

Foto: Plattform für Transkulturelle Neue Musik

In Komposition und Improvisation, performativ und im Gespräch werden die Musiker exemplarisch die prozesshaft miteinander verwobene Transformation von Spielweisen, Instrument, Musikerpersönlichkeit und Publikumswahrnehmung ausloten. In der Begegnung stellen sich Fragen an musikkulturelle Referenzen und Traditionen im Blick auf den anderen und sich selbst.

Dieser Abend unternimmt den spannenden Versuch, sich gemeinsam auf eine musikalische Reise zu begeben und das Fremde und das Eigene hinsichtlich neuer und vielleicht ungewohnter Perspektiven zu entdecken.

Neue Arbeiten für außereuropäische Instrumente und Elektronische Musik – Zwei Performance-Lectures

Hesen Kanjo und Matthias Mainz über Differenz, Wahrnehmung, Einhegung und Übernahme in der Improvisation

Der aus Aleppo stammende syrisch-kurdische Qanun-Virtuose Hesen Kanjo lebt seit 1996 in Europa und hat seitdem zahlreiche herausragende Vertreter türkischer, arabischer und kurdischer Makkam-Stile begleitet. Während er sich in der Begleitung um stilgetreue Unterstützung der Solisten bemüht, entwickelt und verändert er sein Instrument und seine Spielweise in seinen Solokonzerten und überträgt die vielfältigen Klangfarben kurdischer Gesangstechniken in sehr feine Tonfärbungen auf das Instrument, um so einen kurdischen Stil auf der Qanun zu begründen. Hesen Kanjo und Matthias Mainz lösen in ihrem Zusammenspiel melodische und rhythmische Fragmente aus den traditionellen Spielweisen Kanjos und bringen sie in Kommunikation mit Elementen elektro-akustischer Spielweisen, die auf musikalische Haltungen der westlichen Avantgarde seit Mitte des 20. Jahrhunderts zurückgehen und die sich dort ihrerseits bereits zu idiomatischen Traditionen verdichtet hatten.

Ali Gorji und Hindol Deb über die wechselseitige Erforschung künstlerischer Identität im Kompositionsprozess

Der in Berlin lebende zeitgenössische iranisch-deutsche Komponist Ali Gorji lehnt für sich die Zuschreibung als persischer oder außereuropäischer Komponist entschieden ab und versteht sich selbst als Vertreter einer global gewordenen zeitgenössischen Musik. In seiner neuen Arbeit Les Fenestra II-b (Arbeitstitel) setzt Gorji zeitgenössische, zum Teil computergestützte Kompositionsverfahren in der Auseinandersetzung mit der Sitar ein. Sehr bewusst verwendet er Notations- und Improvisationselemente in modularen Fenstern, die Komponisten und Interpreten eine wechselseitige Annäherung an die Komposition, das Instrument und die persönlichen Spielweisen des Instrumentalisten ermöglichen. Der international tätige indische Solist Hindo Dep lebt seit 2014 in Köln und arbeitet in Studien und in diversen musikalischen Kollaborationen an der Integration der Sitar in westliche musikalische Kontexte von neuer Musik, Jazz und Elektronischer Musik, ohne dabei seine starke Verwurzelung im nordindischen Raga aufzulösen.

Foto: Plattform für Transkulturelle Neue Musik

 

Warum Transkulturelle Neue Musik?

„In der Diskussion über Musik werden regelmäßig Begriffe von Weltmusik, Crossover, Inter- oder Transkultur nebeneinander gebraucht und verdeutlichen hierbei einerseits den Bedarf, ein Konzept von Begegnung in einer neuen Kategorie zu beschreiben, wie ein Unvermögen, diese klar zu fassen. Weltmusik oder Crossover wirken als eher unscharfe Kategorien für jede Musik mit außereuropäischen Instrumenten, die sich nicht einem klar traditionellen außereuropäischen Kontext zuweisen lässt.

Die Begriffe Inter- und Transkultur lassen sich auf den Philosophen Wolfgang Welsch zurückführen, der unterscheidet zwischen einer antagonistischen Zusammenführung von Gegensätzen im interkulturellen Prozess und der gegenseitigen Durchdringung im Transkulturellen Prozess. In diesem Diskurs erscheint die Nähe zu politischen Diskursen um Integration und Kulturbegriffe naheliegend, in denen die Begegnung von geschlossenen Kulturbegriffen (Gast-, Leit- und Fremdkulturen) im besten Fall zu ausschließenden Einschlüssen führen. Leider führt auch der Begriff Transkultur im Zusammenhang mit Musik diese Problematik noch mit sich, weshalb er im gesellschaftlichen Diskurs vermutlich häufig mit Interkultur verwechselt wird: Er kann leicht mit tendenziell festen, essentialistischen Kulturbegriffen mit ethnischen oder nationalistischen Bezügen assoziiert werden. Der deutsch-indische Komponist Sandeep Bhagwati benutzt aus diesem Grund für kultur- und kontextsensible musikalische Arbeiten den Begriff Trans-Traditionelle Musik, der sich vielleicht nicht durchsetzen wird, aber eben auf kulturelle Referenzen verweist, die sich mehr auf die Praxis der jeweiligen Musik zwischen musikalischen Techniken und soziologischen Milieus bezieht, statt auf ethnisch-religiöse Zuschreibungen oder vermeintliche Nationalcharaktere.

Der Begriff Transkulturelle Neue Musik scheint widersprüchlich in Bezug auf die Neue Musik mit ihren etablierten Milieus inmitten staatlich geförderter Kulturinstitutionen und den mit Transkultur assoziierten traditionellen Musiken, die entweder als exotisch fern oder als unterprivilegiert und zu integrieren gedacht werden. Inhaltlich ist die Neue Musik jedoch längst nicht mehr gebunden an historisch gewordene Stile, sondern bietet eher Haltungen, Methoden und Produktionsumfelder, mit denen sich musikalische Prozesse fern von festen Kategorien, Exotisierung und Formatdruck entwickeln lassen.” – Matthias Mainz, Plattform für Transkulturelle Neue Musik

Plattform für Transkulturelle Neue Musik

Die Plattform für Transkulturelle Neue Musik ist ein Zusammenschluss von Musikerinnen und Musikern, Komponistinnen und Komponisten aus Deutschland mit arabischen, persischen und indischen musikalischen Prägungen. Die Spannbreite der musikalischen Milieus, Produktions- und Aufführungskontexte reicht von etablierter Neuer und Elektronischer Musik bis hin zu traditionellen Kontexten. Im Netzwerk mit Musikhochschulen, Musikwissenschaften und Musiksoziologie entstehen neue kammermusikalische Arbeiten eingebettet in künstlerisch-wissenschaftliche Forschung und Musikvermittlung. Mit dem integrativen Ansatz von Labor, Reflektion und Vermittlung, Repertoire-Aufbau und nationalen und internationalen Kooperationen versucht die Plattform für Transkulturelle Neue Musik, den Reichtum und die individuellen kulturellen Binnendifferenzierungen einer kulturell diversen Neuen Musik aufzuzeigen und der Entweder/oder-Dichotomie von „fremd“ und „eigen“ entgegenzuwirken.

ORT & ZEIT

Donnerstag, 6.4.2017
von 19:00 Uhr bis 22:00 Uhr

Adenauerallee 127
53113 Bonn

ANMELDUNG

Wegen der begrenzten Plätze bitten wir um verbindliche Anmeldung unter:
undefinedkunst-und-gesellschaft(at)montag-stiftungen.de
oder telefonisch unter: 0228-26716-556.