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Partizipation in der Kunst - 3 Fragen an...

... Elisabeth Hoffmann, die Leiterin des Projekts 'Gefängnis - Kunst - Gesellschaft plus'

Frau Hoffmann, Ihre Arbeit ist im Rahmen der Auslobung ‚faktor kunst 2011‘ als besonders gelungenes partizipatorisches Kunstprojekt ausgezeichnet worden. Partizipation – was bedeutet das eigentlich in Ihrem Fall?

Partizipation bedeutet für uns, nicht mit vorgefertigten Stücken und/oder Produktvorstellungen in die Arbeit mit den Inhaftierten zu gehen, sondern an ihren Vorstellungen, Interessen und Ideen anzusetzen. Wir bringen Impulse und Vorschläge für Szenen u.ä. mit, aber mit Leben erfüllt werden sie durch die Kompetenzen jedes Einzelnen. Wir begeben uns somit in einen Prozess, der nicht vorrangig ziel-, sondern teilnehmerorientiert ist. Es geht nicht vorrangig darum, ein ganzes Theaterstück zu produzieren, sondern darum, soziale und künstlerische Kompetenzen zu entwickeln und zu stärken. Somit werden unsere Stücke, Collagen oder Szenen immer gemeinsam entwickelt. So können unterschiedlichste künstlerische Ausdrucksformen wie Musik, Theater und/oder Tanz miteinander verbunden werden und die Inhaftierten finden sich mit ihren Ideen in unseren bzw. ihren „Produkten“ wieder. Im Rahmen der Begleitung und Förderung durch die Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft wollen wir gemeinsam mit den inhaftierten Frauen einen fiktiven Kurzfilm entwickeln. Sie sollen z.B. selbst – mit Unterstützung und Förderung der TrainerInnen – ein Drehbuch schreiben und den Film dann gemeinsam mit entsprechenden ExpertInnen drehen. Partizipation bedeutet hier z.B. auch, dass die Filmmusik von Teilnehmenden unserer Trainings in anderen Berliner Gefängnissen mit entwickelt werden soll.

Neben der Einbeziehung der Inhaftierten in die Entwicklung der Szenen und Stücke, versuchen wir auch „die Gesellschaft“ an Prozessen und Ergebnissen teilhaben zu lassen. Dies geschieht beispielsweise durch Präsentationen und Aufführungen und perspektivisch über einen Blog auf unserer Homepage. So wollen wir anregen, Perspektiven zu wechseln und neue Blickwinkel zu entwickeln. Sofern der Film einem breiteren Publikum vorgestellt werden sollte, kann auch er ein geeignetes Mittel darstellen, um in einen öffentlichen Diskussionsprozess über unsere gemeinsame Arbeit zu gehen. Soweit es möglich und gewollt ist, wollen wir dann versuchen, die Inhaftierten am Austausch zu beteiligen.

Wie empfinden die Menschen, die in Ihrem Projekt die Partizipierenden sind, die künstlerische Arbeit?

Sie fühlen sich wertgeschätzt, weil wir sie darin bestärken, sich anderen mitzuteilen und sich zu zeigen. Wir fördern ihre Kompetenzen und vertrauen ihnen. So merken sie, dass sie sich weiterentwickeln und dass es immer neue und unerwartete Wege gibt, die neue Chancen mit sich bringen. Die Inhaftierten fühlen sich in den Prozess involviert und arbeiten engagiert an der Entwicklung ihrer eigenen Szenen, Songs oder Tänze für den Film oder kleiner Stücke.

Bringt der Aspekt der Teilhabe/ des Einbeziehens auch spezifische Schwierigkeiten mit sich?

Ja. Unsere TrainerInnen lassen sich ja von Beginn an auf einen Prozess ein, der zunächst zu einem großen Teil unbestimmt und unvorhersehbar ist. Das heißt auch, dass wir nicht mit einem fertigen Plan oder hier einem Drehbuch in die Trainings gehen können, sondern oftmals spontan und flexibel auf Bedürfnisse und Ideen der teilnehmenden Inhaftierten reagieren müssen. Der gesamte Prozess der Entwicklung dauert natürlich länger, ist aber am Ende ein ehrliches und authentisches Resultat der Zusammenarbeit.

Die Fragen stellte Sabine Luft, Öffentlichkeitsarbeit

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