Zu Wasser und zu Lande

‚The Floating Something’

Ein Kunstprojekt mit der Sollerudstranda Skole in Oslo

Im September 2004 fand in der Sollerudstranda Skole in Oslo über vier Wochen ein Kunstprojekt statt, an dem sowohl die Schüler der norwegischen als auch drei Schüler der Kölner Schule für Erziehungsschwierige (Auguststraße) teilnahmen. Der Maler und Bildhauer Peer Christian Stuwe, der schon in mehreren Schulprojekten mit Kindern und Jugendlichen künstlerisch gearbeitet hat, entwarf und baute mit den Schülern eine Art großes Floß, das in den Monaten der Vorbereitung als schwimmende Skulptur geplant war und schließlich unter dem Namen „Floating Something“ Gestalt annahm.

Am Tag des Stapellaufs gab es etwa zwanzig Jugendlichen Raum und wurde von ihnen mit Motor, Wasserrad und unter Segeln über den Oslofjord gefahren. Die Verwirklichung der Idee, sozial und emotional benachteiligten Kindern und Jugendlichen auch in internationalem Zusammenhang die Möglichkeit zu geben, kreativ zu werden, ihre ihnen innewohnende Begabung zu entdecken und zu (er)leben, wurde in Oslo durch einen schon über mehrere Jahre bestehenden Kontakt zum Schulleiter der Sollerudstranda Skole angeregt und durch die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft ermöglicht.

Der Bericht über eine Schule, die erziehungsschwierige Jugendliche nicht nur über eine vertrauensvolle und kluge Pädagogik an die Hand nimmt, sondern auch handwerklich so weitgefächert ausbildet und begeistert, dass sie eigenständig und verantwortungsvoll Schiffe restaurieren, einen Kindergarten leiten und Waldarbeiten durchführen lernen, machte die Sollerudstranda Skole zu einem Vorbild, das durch Praktika und Besuche deutscher Studenten und Lehrer inzwischen weit bekannt ist.

Mit einem Projekt wie dem des „Floating Something“, das erziehungsschwierige Jugendliche einer deutschen und norwegischen Schule zusammenführt, wurde allerdings Neuland betreten. Neuland nicht nur wegen der ungewöhnlichen Begegnung, der Sprache, den verschiedenen Schulformen und der aufregenden Umgebung, sondern auch hinsichtlich der weitgehend offenen Einstellung, wie das Projekt zu verlaufen hätte und der Ausgang zu erwarten wäre. Im Sinne der Stiftungsidee, innerhalb eines Projektes immer eine gleichwertige Zusammenarbeit in ebenbürtiger Atmosphäre zu erreichen, die dem Prinzip des „bottom up“ (im Gegensatz zu einem „top-down“-Verhalten) entspricht, sollten von Anfang an alle Beteiligten mit ihrer Vielfalt an Ideen und Fähigkeiten auf die Durchführung hinwirken.

Der Künstler Peer Christian Stuwe forderte die Schüler deshalb gleich in den ersten Tagen nach seiner Ankunft auf, ihre Vorstellungen von einer schwimmenden Skulptur, einem „schwimmenden Irgendetwas“ zu entwickeln und zusammenzutragen. Gemeinsam wurde danach am schuleigenen Strand sowie in der Werft- und Hafenanlage Material gesammelt, das von buntem Strandgut wie Holz, Wurzeln, Federn, Steinen und Kunststoffflaschen bis zu Werftabfällen und Schiffstauwerk reichte. Die Modelle, die daraus entstanden, erstaunten vor allem die Kinder selbst. Man konnte beobachten, dass sie erst zögerlich, dann immer mutiger wagten, ihre Phantasie spielen zu lassen – ein elementares Bedürfnis, dem häufig nur bedingt nachgekommen wird. Jeder der erziehungsschwierigen Schüler, selbst jene, welche durch Konzentrationsschwäche und Interesselosigkeit aufgefallen waren, schaffte es an jenem Nachmittag, ein eigenes „schwimmendes Ding“ zu bauen – statisch und schwer, verrückt, grazil, gewagt verschlungen, aber fast alle irgendwie schwimmfähig und in irgendeiner Weise die Persönlichkeit des Einzelnen widerspiegelnd.

Welch einen Spaß der Stapellauf der Objekte dann machte, ist nicht schwer vorzustellen. In den nächsten Tagen wurde weiter geplant, skizziert und diskutiert. Als schwierig erwies sich dabei, dass – obwohl in den Vorgesprächen so verabredet – keine konstante Gruppe am Projekt arbeitete, sondern immer wechselnde Schülergrüppchen, die neu motiviert werden mussten. Auch die Überlegung, dass ein tragfähiges Schwimmobjekt aus Abfall-Materialien der Werft und des Hafens gebaut werden könne, musste leider aus Sicherheitsgründen über Bord geworfen werden.

Mithilfe des „Hafenvogts“ Hans entstand stattdessen ein stählernes Gerüst, das durch eingefügte Styroporblöcke Auftrieb von 4 Tonnen hatte und mit deckenden Holzplanken eine solide Basis bildete. Parallel zum Fortschritt, den der Bau nun nahm, entwickelte sich das Projekt auch in andere Richtungen weiter. Zwei Studenten der Pädagogik für Erziehungsschwierige an der Universität Köln, Andreas Züll und Katja Voskuhl, beide über vier Wochen im Rahmen eines Europäischen Praktikums dabei, stellten einen engen Kontakt zu den Fachlehrern her, planten mit der Cateringgruppe das Fest des Stapellaufs und bauten mit den Schülern eine „Funkstation“ auf, über die ein „SOS-Hilferuf“ an die deutschen Schüler der Auguststraße abgesetzt wurde.

Im gleichen Zuge bereiteten die Schüler in Köln zusammen mit ihrem Lehrer Marc Debeur ihren „Rettungseinsatz“ vor. In Oslo erhielt man in diesem Zusammenhang auch die Nachricht, dass das gestohlene Gemälde Edvard Munchs („Der Schrei“) von der deutschen Gruppe aufgefunden worden sei und nach Norwegen zurückgebracht werden solle. In der vierten Woche trafen die drei Schüler, Pierre Rudolph, Benjamin Steyer und Czebrail Gündüz, und die Stiftungsorganisatorin des Projekts, Minje Langenbuch, schließlich ein und stürzten sich schon Sonntags mit großem Einsatz in den Weiterbau des „Floating Somethings“.

Die erste Begegnung der deutschen und norwegischen Schüler am nächsten Morgen war für alle spannend. Auf englisch wurden die drei aus Köln von den Schülern interviewt, und wo es sprachlich nicht weiterging, kam man sich über Gesten und die Arbeit näher. „So eine Schule würd` ich auch gerne besuchen!“, kam so manches mal über die Lippen der Jungen, die über die Vielzahl an Möglichkeiten von Werft- und Waldarbeit, die engagiert geleitete Kochgruppe, die Biologiestation und das riesige Schulschiff staunten, von dem aus getaucht wird und mit dem mehrtägige Segeltörns unternommen werden. Ab jetzt zog das Arbeitstempo an. Peer Christian Stuwe, einzelne Lehrer und der Arbeitshelfer Marc Langenbuch hämmerten, sägten, malten und schweißten mit den Schülern teilweise bis in die Nacht hinein, und jeden Morgen war das Kunstwerk mehr zu einem phantastischen „Ding“ gewachsen, dessen Stapellauf mit Herzklopfen erwartet wurde.

Die Photo- und Videogruppe dokumentierte die einzelnen Schritte mit Elan, und die Diskussionen um das endgültige Aussehen, die Tragfähigkeit und den Antrieb des „Floating Somethings“ führten zu mancherlei Umdispositionen und immer neuen Überraschungen. Das, wie eine Sollerudstranda-Schülerin eines späten Abends nach stundenlangen Schweißarbeiten am Motor leise sagte, dies „der schönste Tag in meinem Leben“ gewesen sei, berührte alle Beteiligten und zeigte, dass eine gemeinsame Arbeit, welche nicht rein ergebnis- und nutzorientiert ist, sondern der Phantasie und neuen Ideen Raum lässt, einen viel größeren Platz im Schulbetrieb für Erziehungsschwierige haben sollte.

Dann kam der große Tag des Stapellaufs. Noch hatte das Kunstfloß keinen Namen, und es sollte hart um die beiden Favoriten „Princess of Persia“ und „Kin Toko“ (in Anlehnung an Thor Heyerdals berühmtes Floß „Kon Tiki“) gekämpft werden. Mit spielerischen Wettkämpfen wie Tauziehen und Schnell-Nageln wurde konkurriert und schließlich der Name „Princess of Persia“ nach einer echten Schiffstaufe an den Mast genagelt. Neugierig verfolgte nicht nur die gesamte Schule, sondern auch die Presse, wie das Floß mit zwanzig Mann unter Marschmusik ins Wasser zu gleiten begann. Lange saß es behäbig auf den Slip-Schienen, begann sich sogar leicht zu biegen, bis es plötzlich Auftrieb bekam und zu schwimmen begann. Applaus begleitete die Zündung des selbstkonstruierten Motors, der eine in ein Wasserrad umfunktionierte Kabeltrommel antrieb und das bunt beflaggte Floß gemächlich durch den Hafen schob. Auf dem Fjord wurde dann das weiße Polyethylen-Segel gehisst, und spätestens in diesem Moment erfüllte jeden, der am Bau mitgewirkt hatte, ein erhabenes Gefühl. Noch oft wechselte an diesem Tag die Mannschaft, die mit Hotdogs und Saft versorgt und wiederholt vom Fernsehteam zu dem Projekt befragt wurde.

Wie souverän dabei auch die drei Kölner Schüler auf englisch die Fragen beantworteten, war sicherlich nicht zuletzt dem Selbstbewusstsein zuzuschreiben, das durch die Woche in Oslo in allen gewachsen war. Rückblickend ist das Projekt nicht allein im Ergebnis, das nicht vorrangig war, sondern vor allem hinsichtlich der Entwicklung, die es in der Zusammenarbeit, Kommunikation und den Erfahrungen der Schüler gemacht hat, sehr erfolgreich. Erkenntnisse über Kunst und Ästhetik im sozialen Raum und Kontext, die im Sinne des Stifters Carl Richard Montag Projekte tragen und weiterbringen, wurden durch das „Floating Something“ bestätigt und neu gewonnen. Auf internationaler Ebene birgt das Kunstprojekt in Norwegen – ebenso wie die Projekte der Stiftung in Irland und Polen – das Potential, den europäischen Gedanken durch den Austausch und die künstlerische Zusammenarbeit von Kindern und Jugendlichen der verschiedenen Länder weiter zu tragen.

Weiterführende Links

Sollerudstranda Skole
Öffnet einen externen Link in einem neuen Fensterhttp://www.sollerudstranda.gs.oslo.no/

Peer Christian Stuwe
Öffnet einen externen Link in einem neuen Fensterhttp://www.stuwekunst.de/