Jugendliche Mütter

Bindungsforschung und Erziehungspraxis

Konzept der Betreuung von jugendlichen Müttern in der Heimerziehung

Roland Schleiffer
Der heimliche Wunsch nach Nähe —
Bindungstheorie und Heimerziehung

© 2001 Juventa Verlag Weinheim
304 S.; Euro 24,00 (D)
ISBN 3-7799-1841-2

Die auf den englischen Psychoanalytiker John Bowlby zurückgehende Bindungstheorie und -forschung ist einer der bedeutsamstem Forschungszweige der Entwicklungspsychologie. Mit dem durch die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft geförderten Projekt: "Die Heimliche Suche nach Nähe – Bindungstheorie und Heimerziehung", ist es dem Forscherteam um den Kölner und Jugendpsychiater Dr. med. Roland Schleiffer, aus Forschungserkenntnissen ableitend, gelungen, ein gegenwartsnahes Erziehungskonzept zu entwickeln, welches mit dazu beiträgt, die sozialen Bindungen und die innerpsychische Selbstkonzeption sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher zu verbessern.

Die auf den englischen Psychoanalytiker John Bowlby zurückgehende Bindungsforschung untersucht die Auswirkungen frühkindlicher Beziehungserfahrungen auf die Persönlichkeitsentwicklung. Immer hochinteressant, verbleibt die Bindungsforschung dabei jedoch oftmals in der differenzierten Untersuchung einzelner Aspekte, ohne größere sozialdimensionale Zusammenhänge zu untersuchen, und ohne in Verbindung damit einhergehender Erkenntnisse relevante und lebensnahe Praxiskonzepte zu entwickeln. Zunehmend ändert sich das jedoch.

Gemäß dem Motto: "Nichts ist besser als eine gute Theorie", verbindet der Kölner Kinder- und Jugendlichenpsychiater Prof. Dr. med. Roland Schleiffer den psychoanalytischen Ansatz der Bindungstheorie mit verhaltensorientierten Ansätzen, die mit der Entwicklung dissozialer Persönlichkeitscharakteristika befasst sind und die in innerfamiliärer Aggressionsentwicklung und deren Transformation in den sozialen Raum wurzeln. Die Forschung zeigt auf, dass die Kinder adoleszenter Mütter ein hohes Risiko tragen an psychischen Entwicklungsstörungen und kognitiven Verhaltensauffälligkeiten zu erkranken.

Zurückgeführt wird das auf eine stark unsichere Bindungsbeziehung zwischen Mutter und Kind. Mit der unsicheren Bindungsbeziehung eng verbunden ist die Entwicklung einer spezifischen Emotionsregulation, die Weitergabe von nicht-konstruktiven Verhaltensmustern sowie spezifischer Verhaltensweisen, die in der Dyade Mutter-Kind eine wesentliche Rolle spielen. Dazu gehört beispielsweise die Eskalation von Aggression, die Verweigerung emotionaler Nähe durch die Mutter, das Unvermögen, Schwierigkeiten konstruktiv bewältigen zu können. Ausleitend von dieser frühen wichtigen Bindungsbeziehung entwickelt ein Kind ein inneres Arbeitsmodell von sich sowie von sich und dem anderen. Unbewusst spielt dieses Modell eine zentrale Rolle in der Gestaltung von Beziehungen und im Rahmen von Identifikationsprozessen.

Wie das Modell der unsicheren Bindungsorganisation aussieht, um davon ausgehend Annahmen abzuleiten und erste Schritte zu unternehmen, pathogen wirkende Beziehungsmuster zwischen adoleszenten Müttern und ihren Kindern zu verändern, untersuchte das Forscherteam um Prof. Dr. med. Roland Schleiffer in einer zweijährigen Studie. Evaluiert wurden sieben adoleszente Mütter, die sich zum Zeitpunkt der Untersuchung in einer pädagogisch betreuten Jugendeinrichtung befanden, deren Kinder sowie die Beziehung von Mutter und Kind zueinander – unter Einbezugnahme der individuellen Lebenszusammenhänge.

Die hochinteressanten Ergebnisse, die insbesondere auch ungemein hilfreich sind für die Praxisanwendung in erzieherischen Berufen, finden sich wissenschaftlich anspruchsvoll und dennoch auch für den Laien verständlich zusammengefasst in dem zunächst 2001 im Votum Verlag erschienenen und 2004 bei Juventa neu aufgelegten Band: "Die heimliche Suche nach Nähe".

Aufgrund der Erkenntnisse dieses im Zeitraum 1997-1999 durch die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft finanzierten Projektes wurde eine Konzeption entwickelt, die dazu dient, adoleszente Mütter und deren Kinder umfangreich zu betreuen und zu begleiten, mit der Zielsetzung, die oben genannten Risiken zu vermindern und die betreffenden Mütter und Kinder zur Entwicklung einer sicheren emotional verlässlichen Beziehung anzuregen und zu begleiten. Eine Mitarbeiterin von Prof. Dr. med. Schleiffer wandte diese Konzeption bei den zuvor wissenschaftlich untersuchten Mutter-Kind-Dyaden über einen Zeitraum von zwei Jahren an. Die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft unterstützte diese Praxisbegleitung in den Jahren 2002 und 2003.